Gerhard Richters Strip Tower im Engadin.

03.02.2026

Ein Turm aus Farbe, der sich bewusst jeder erzählerischen Lesart entzieht und stattdessen auf Wahrnehmung, Rhythmus und Zeit setzt. Gerhard Richters Strip Tower steht im Engadin nicht als Objekt der Bewunderung, sondern als Angebot zur konzentrierten Erfahrung. Hier trifft eine der zentralen Positionen der internationalen Gegenwartskunst auf eine Landschaft von aussergewöhnlicher Klarheit. Das Ergebnis ist ein stiller, aber nachhaltiger kultureller Dialog, der den Kulturraum Engadin weiter belebt.

Detail von Gerhard Richter – STRIP TOWER (962), 2023 © 2026, Gerhard Richter
Quelle: SIM’s Kultur.eu

Neu im Engadin: ein Kunstwerk von Gerhard Richter

Seit einigen Tagen präsentiert die LUMA Stiftung im Engadin ein grossartiges Werk des international renommierten Künstlers Gerhard Richter. Der rund 5 Meter hohe, aus glasierten Keramikfliesen verkleidete Turm wird vorerst für drei Jahre öffentlich zugänglich bleiben und die alpine Landschaft bereichern.

Quelle:© Markus Maeder, Rapperswil

Auf der Webseite von elevation1049, ein von der LUMA Stiftung gefördertes Projekt heisst es: «Über fünf Meter hochragend, schaffen die Paneele einen kreuzförmigen Innenraum, den die Besucher betreten können. Farbe, Licht und Raum verschmelzen zu einem immersiven Erlebnis, das Abstraktion erfahrbar macht und Wahrnehmung, Materialität sowie die umgebende Alpenlandschaft von Sils Maria einbezieht – einem Ort, den Richter seit 1989 regelmässig aufsucht, fasziniert vom kristallklaren Licht, der markanten Topografie und der kontemplativen Atmosphäre.»

Der Strip Tower: Aus Malerei wird Architektur

Der Strip Tower ist mehr als eine skulpturale Erweiterung der Malerei. Er überführt Richters berühmte Streifenbilder in den Raum und macht Farbe, Struktur und Wiederholung körperlich erfahrbar. Vertikale Farbbahnen ziehen sich über die Höhe des Bauwerks und erzeugen eine visuelle Bewegung, die den Blick unweigerlich nach oben lenkt. Was zunächst ornamental wirken könnte, erweist sich bei näherer Betrachtung als streng komponiertes System. Der Turm verlangt Zeit, Distanz und Aufmerksamkeit – Eigenschaften, die in der heutigen Bildkultur selten geworden sind.

Ordnung, Zufall und Kontrolle

Richters Streifen entstehen nicht aus spontaner Geste, sondern aus einem hochreflektierten Prozess. Richter hat digitale Bildvorlagen analysiert, zerlegt, vervielfältigt und neu zusammengesetzt, bevor er sie wieder in eine malerische Logik überführt hat.

Quelle:© Markus Maeder, Rapperswil

Der Künstler balanciert dabei konsequent zwischen Zufall und Kontrolle, zwischen technischer Präzision und sinnlicher Wirkung. Gerade diese Spannung verleiht dem Strip Tower seine Tiefe. Er ist nicht Ausdruck, sondern Ergebnis eines Denkens in Bildern.

Gerhard Richter und die Kultur der Gegenwart

Gerhard Richter gehört zu den wenigen Künstlern, die die Malerei fundamental erweitert haben, ohne sie je zu verlassen. Sein Werk bewegt sich souverän zwischen Fotorealismus und Abstraktion, zwischen historischer Reflexion und formaler Strenge. Dabei verweigert er einfache Deutungen und feste Positionen. Diese produktive Unsicherheit ist ein zentraler Beitrag Richters zur Kultur der Moderne. Er hat gezeigt, dass Kunst nicht erklären muss, sondern fragen darf – und gerade darin ihre gesellschaftliche Relevanz entfaltet.

Das Engadin als idealer Kontext

Das Engadin ist ein Ort der Reduktion und der Klarheit. Licht, Topografie und Weite schärfen hier die Wahrnehmung und begünstigen eine intensive Auseinandersetzung mit Kunst.

Quelle:© Markus Maeder, Rapperswil

Der Strip Tower fügt sich nicht in die Landschaft ein, sondern setzt ihr eine autonome Ordnung entgegen. Gerade dadurch entsteht Resonanz. Architektur, Kunst und Natur stehen in einem Spannungsverhältnis, das nicht auf Harmonie zielt, sondern auf Bewusstheit.

Kulturelle Verankerung mit internationaler Strahlkraft

Die Präsenz Gerhard Richters im Engadin ist mehr als ein kuratorischer Glücksfall. Sie signalisiert kulturellen Anspruch, internationale Anschlussfähigkeit und intellektuelle Offenheit. Der Strip Tower positioniert das Tal als Ort zeitgenössischer Reflexion und nicht bloss als Kulisse für Kunstgenuss. Hier wird Kunst nicht konsumiert, sondern ernst genommen.

Gerhard Richter und das Engadin

Gerhard Richter bringt weltweite künstlerische Relevanz in einen geografisch konzentrierten Raum. Sein Strip Tower steht exemplarisch für eine Kunst, die leise wirkt, aber lange nachhallt. Für das Engadin bedeutet dies kulturelle Verdichtung auf höchstem Niveau – jenseits von Event und Spektakel. Der Künstler verleiht dem Ort keine Lautstärke, sondern Gewicht.

Zur Beziehung von Richter mit dem Engadin schreibt das Online-Magazin SIM’s Kultur.eu, ein Kulturguide für Europa, so: «Auch für Gerhard Richter selbst ist Sils Maria ein vertrauter Ort. Seit seinem ersten Besuch 1989 kehrt er regelmässig ins Engadin zurück. Das kristallklare Licht, die markante Topografie und die kontemplative Atmosphäre stehen in enger Beziehung zu seinem lebenslangen Interesse an Wiederholung, Zufall, Spiegelung und der Instabilität visueller Gewissheit. In STRIP TOWER (962) artikulieren sich diese Fragen in einer Form, die zugleich monumental und still ist – präsent, ohne laut zu sein. Die Skulptur versteht Kunst als öffentliche Erfahrung, die sich über Zeit entfaltet. In einem Ort, der traditionell mit Rückzug und Kontemplation verbunden ist, lädt Richters Arbeit zu langsamer, wiederholter Betrachtung ein. Ihre Präsenz verweist darauf, wie Kunst Wahrnehmung vertiefen und ein Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge schärfen kann – nicht durch Illustration, sondern durch Erfahrung.»

Das Engadin – eine Region mit reichem kulturellem Leben

Das Engadin ist nicht nur ein äusserst attraktiver Lebens- und Urlaubsraum, sondern auch ein Ort mit einem regen kulturellen Angebot. Kunstschaffende wie Ferdinand Hodler, Cuno Amiet, Alberto Giacometti oder Philosophen wie Friedrich Nietzsche stehen in enger Beziehung zum Engadin. Giovanni Segantini hat sich hier sogar niedergelassen. Eine der umfangreichsten Sammlungen seiner Werke zeigt das Segantini Museum in St. Moritz. Mehr als 20 weitere Museen, die sich der Geschichte und Kultur der Region widmen, prägen die Engadiner Kulturlandschaft. Das eindrückliche Museum Engiadinais beispielsweise führt in 21 Ausstellungsräumen durch 500 Jahre Wohnkultur aus dem Engadin und den angrenzenden Regionen.